theorie

Das Blick heben Büro für Weltverbesserung

 

A EINLEITUNG


B THEORETISCHER KONTEXT

1 Großes Glück durch kleines Glück – sozialpsychologische Aspekte
1.1 Das Problem der Unzufriedenheit

2 Das Phänomen Kitsch
2.1 Was ist Kitsch?
2.2 In welchem Verhältnis steht der Kitsch zur Kunst?
2.3 Warum ist der Kitsch nicht tot zu kriegen?


C METHODEN

1 Miss Weltfrieden und die Eröffnungskampagne
2 Der Geschäftsbericht
3 Gestaltungsmittel
4 Schlusswort

D Quellen

 

 

Einleitung

Das russische Künstlerpaar Ilya und Emilia Kabakov beschäftigte sich im Rahmen seiner Ausstellung „Palast der Projekte“ (1), die in der stillgelegten Essener Zeche Zollverein stattfand, unter anderem mit den Fragen: Wie kann man sich selbst verbessern? und Wie kann man die Welt verbessern? Beiträge dazu leisteten über sechzig Personen, die Modelle anfertigten zu ihrer persönlichen Antwort auf eine dieser Fragen. Die Kabakovs stellten im Palast der Projekte diese kleinen Utopien vor. Viele Exponate, die sich mit der ersten Frage auseinandersetzten, berücksichtigten das persönliche Wohlbefinden, das wiederum Einfluss auf das eigene Umfeld, z. B. die Stimmung und Selbstwahrnehmung der Freunde und Angehörigen hat.
Mit der Umsetzung des umfassenden Vorsatzes, die Welt zu verbessern, hat auch das Büro für Weltverbesserung im Kleinen begonnen. So soll die Zielgruppe zunächst den Blick im eigenen Umfeld heben, um zu erkennen, was daran verbesserungswert ist. Da hierzu häufig auch ein „innerer Schweinehund“ überwunden werden muss oder schlicht der Mut fehlt, Dinge zu verändern, bietet sich auf der Internetseite www.blickheben.de, dem Haupkommunikationsmittel des Büros, die Möglichkeit, einen Service in Anspruch zu nehmen und damit ein wenig Eigenverantwortung zu Gunsten der guten Sache abzugeben.
Der Kunde hat hier die Wahl zwischen einem Entschuldigungsservice (wenn es gilt, enttäuschte Bekannte wieder für sich zu gewinnen), einem Begleitservice (wenn Gleichgesinnte fehlen), einem Befreiungsservice (wenn man im Alltag bzw. im Beruf unglücklich ist und einen Ausweg sucht) und dem neu hinzugekommenen Entscheidungsservice, der auf die Problematik des Überangebots in der modernen Gesellschaft eingeht. Diese Hilfestellungen sollen dem Kunden ermöglichen, eigene Probleme zu überwinden und sich wichtigeren Fragen zuzuwenden.
Über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, zu versuchen, zufriedenener zu werden und andere zufriedener zu machen, aufmerksam zu bleiben für Schwachstellen im System, sich zu besinnen auf soziale Werte wie Nächstenliebe und darauf, die eigene Person nicht zu wichtig zu nehmen; daran appelliert der Name des Büros Blick heben.


B THEORETISCHER KONTEXT

1 Großes Glück durch kleines Glück – sozialpsychologische Aspekte

Die Basis für die Herangehensweise an ein großes Ziel bilden einerseits Ergebnisse aus dem noch relativ jungen sozialpsychologischen Feld der Glücksforschung. Aus ihnen geht hervor, was wir eigentlich schon längst als alte Weisheit anerkannt hatten und was die Schriftstellerin Pearl S. Buck folgendermaßen formulierte:

Viele Menschen versäumen das kleine Glück,
während sie auf das große vergeblich warten.



1.1 Das Problem der Unzufriedenheit

Seit einiger Zeit beschäftigen sich Soziologen und Psychologen verstärkt mit der Frage, welche Umstände zum persönlichen Glücksempfinden beitragen. (2) Neuere Studien belegen Paradoxes: Den Industrieländern geht es besser denn je; ein stetiges Wirtschaftswachstum ist zu verzeichnen sowie eine daraus folgende Verbesserung der materiellen Lebensumstände. Trotzdem sind die Menschen nicht zufriedener als früher; die Zahl der Depressionspatienten sowie die Suizidrate sind in den letzten 50 Jahren sogar gestiegen.
Dass Geld allein nicht glücklich macht, ist bekannt. Aus einer Umfrage der
US General Social Survey geht hervor, dass sich, speziell, sobald die Grundbedürfnisse finanziell abgesichert sind, immer weniger Zuwachs an Lebenszufriedenheit findet. (3)
Das Streben nach Glück treibt uns an. Wir denken, dass wir wissen, was wir uns wünschen, doch sobald wir es haben, wünschen wir uns etwas anderes, oder die Zufriedenheit über die Erreichung eines Zieles hält nicht lange an. Der Harvard-Psychologe Daniel Gilbert prägte in diesem Zusammenhang den Begriff des psychologischen Immunsystems. Diese psychohygienische Schutzvorrichtung bewahre uns zwar davor, dass z. B. ein Trauerzustand für immer andauere, sie verhindere jedoch auch, dass ein Glücksgefühl seine Intensität behalte. Als weiteres Problem stellt er das Phänomen des Miswanting heraus, ein falsches Wünschen. Der Mensch könne selten treffende Voraussagen darüber machen, wie glücklich ihn etwas machen werde, wenn er es erreicht habe. Einerseits überschätzten wir die Bedeutung von „großen“ Dingen wie Einkommen und Wohnsituation und unterschätzten die Wirkung von schlichten Freuden wie Freizeitaktivitäten mit der Familie und mit Freunden.
Der amerikanische Psychologieprofessor Barry Schwartz bringt in die Debatte über die Ursachen von fehlendem Glück in der Wohlstandsgesellschaft einen weiteren Aspekt ein: Zu viel Auswahl, behauptet er, mache depressiv. Grundsätzlich seien zwar die Menschen zufriedener, die ihre Individualität ausleben könnten, die in demokratischen Staaten lebten, Kontrolle über ihr Leben besäßen und die „freie“ Wahl hätten. Bei einer übergroßen Auswahl jedoch, wie sie uns eine erfolgreiche Wirtschaft beschere, so Schwartz, nehme die Entscheidung für etwas nicht nur übermäßig viel Zeit in Anspruch. Vielmehr würde die Freude über ein erworbenes Produkt immer auch getrübt durch die Enttäuschung darüber, dass man eine Vielzahl von Alternativen stehenlassen musste. Wir müssen also einfacher denken und wünschen, um zufriedener zu werden.
Blick heben, das Büro für Weltverbesserung, setzt mit seinem Serviceangebot an diesem Punkt an.



2 Das Phänomen Kitsch

Das Büro für Weltverbesserung steht und wirbt für große Ziele und hat einen globalen Anspruch.
Zum Erreichen dieser Ziele bedarf es einer Kommunikationsform, von der sich die gesamte Zielgruppe – in diesem Falle die Menschheit – angesprochen fühlt. Aus Gründen, die im Folgenden erläutert werden sollen, dient dem Büro für Weltverbesserung als solche der Kitsch.


2.1 Was ist Kitsch?

Die Wahrnehmung von Kitsch ist immer subjektiv. Meist sprechen wir von Kitsch, wenn wir eine Übertretung des „guten Geschmacks“ als gegeben sehen, wenn etwas zu bunt, zu billig, zu pathetisch, zu rührig ist und sich starker Klischees bedient.
„Kitsch, so könnte man sagen, ist ein Sonderfall des Trivialen, selbst abhängig von einem ganz bestimmten Status der ökonomischen, produktionstechnologischen und ästhetischen Entwicklung. Kitsch ist (...) trivial gewordene Kunst, eine Kunst, die zugänglich, aber auch zudringlich geworden ist. Nur in Bezug auf diese und in Abgrenzung von dieser macht der Kitsch einen Sinn.“(4)
In einer Titanic-Kolumne schrieb der Satiriker Max Gold über den Ausdruck Kitsch: „Ich schätze diese Allerwelts-Totschlagvokabel nicht, auch dann nicht, wenn modisch geredet wird, etwas sei herrlich kitschig. In keinem Lexikon fand ich je eine mir einleuchtende Definition von Kitsch. Ganz gleich, ob man entbehrlich scheinenden Gefühlsausdünstungen, Darstellungen von Volksfrömmigkeit, verheulten Schilderungen gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, ungezähmter Freude am Ornament, naivem Weltverschönerungsdrang, Verwendung von Mustern aus der Pflanzenwelt in der bildenden Kunst, eklektizistischem Eifer, einem Missverhältnis zwischen Form und Inhalt oder zwischen Ambition und Resultat begegnet – stets wird hastig Kitsch gebellt, statt die aufgezählten, doch sehr unterschiedlichen Erscheinungen präzise zu nennen.“(5)
Im Bezug auf das, was er bezeichnet, ist der Begriff Kitsch schwer einzuordnen, aber nicht einmal die Herkunft des Wortes ist eindeutig. In Wahrigs Deutschem Wörterbuch (6) finden sich zwei Deutungen: 1. engl. sketch „Skizze“; 2. zu mundartl. kitschen „streichen, schmieren, zusammenscharren“.
Geht man davon aus, dass „Kitsch“ aus dem englischen „sketch“ hervorgegangen ist, ist die Entstehung des Wortes zeitlich in die Siebzigerjahre des 19. Jahrhunderts einzuordnen. In der Münchner Kunstszene wurde vormals von amerikanischen Touristen eine „Sketch“ verlangt, wenn das Kaufinteresse sich nach einem günstigen, schnell produzierten Bild als Souvenir richtete.
In der Mundart bezeichnet man mit kitschen, den Straßenschlamm zusammenzukehren, etwas verkitschen kann jedoch ebenso bedeuten, etwas billig zu verhökern.
Relevanter als die Etymologie des Begriffs ist die Frage nach dem Entstehungszeitraum des Kitschphänomens. Geht man von Kitsch als einer Verramschung höherer Kunst aus, begegnet man den Vorboten bereits bei antiken Miniaturplastiken. Nimmt man an, dass sich Kitsch über Billigkeit und massenhafte Reproduzierbarkeit definiert, muss man die Anfänge in der Industrialisierung suchen.


2.2 In welchem Verhältnis steht der Kitsch zur Kunst?

Mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert kam die Trennung von Arbeitszeit und Freizeit. Die unterbürgerlichen Schichten entwickelten ein kalkuliertes Amüsierbedürfnis, es entstand eine Vergnügungsindustrie. Die Unterhaltung mit ihren unkünstlerischen Motiven, grob sinnlichen Reizen, stark bearbeiteten Fassungen von klassischen Werken, etc., galt beim Bürgertum jedoch als primitiv. Die Ablehnung der Vergnügungen der einfachen Leute durch die Oberschicht sowie deren Bemühungen diese Aktivitäten zu reglementieren, bewirkten, dass der Pöbel die populäre Unterhaltung schließlich ganz als die eigene Domäne ansah. Es entwickelte sich zunächst ein Markt für populäre Schriften, Pfennighefte, die etwa mit Berichten über Selbstmorde oder Liebesaffären in europäischen Adelshäusern
aufwarteten. (7)
Die Attribute, die der Unterhaltungskunst sowie der populären Literatur zugeordnet wurden bzw. noch immer werden sind auch bezeichnend für das, was man landläufig dem Kitschigen zuschreibt. Kitsch gilt als geschmacklos und oberflächlich, die Debatte um seine Definition rechtfertigt sich meist im Vergleich mit der Kunst; er wird als ihr Gegenpol gesehen.
Kitsch „ist zweifellos ein Wertwort, d. h., wir benutzen es, um gewisse kunst-artige oder kunst-ähnliche Phänomene damit zu verurteilen.“ (8) Während die Kunst zur Kontemplation aufruft, komplex und vieldeutig ist, spricht der Kitsch auf emotionaler Ebene an. Er ist leicht zugänglich und gefällig, weil er sich einer simplen Formensprache und einfach zu entschlüsselnden Symbolen bedient. Kitsch gilt als unecht, als schöner Schein. Adorno: „Eines der Momente von Kitsch, die als Definition sich anbieten, wäre die Vortäuschung nicht vorhandener Gefühle und damit deren Neutralisierung sowohl wie die des ästhetischen Phänomens. Kitsch wäre die Kunst, die nicht ernst genommen werden kann oder will und die doch durch ihr Erscheinen ästhetischen Ernst postuliert.“ (9)
Im Leben umgibt uns der Kitsch ungleich stärker als die Kunst. In Film und Fernsehen, in den Printmedien, in der Musik, in Werbung, Produkt- und Verpackungsgestaltung, etc., werden wir von der „Klebrigkeit“ (Giesz) der Gegenstände übermannt und sollen von ihnen gerührt sein. Hierzu leiht sich der Kitsch zwar Themen aus der Kunst, anders als sie beansprucht er jedoch keine sinnstiftende Wirkung. Er ist einfacher zugänglich und will unmittelbar (an der Vernunft vorbei) und funktionalistisch auf der Emotionsebene wirken, Bedürfnisse erfüllen.
Nach Hermann Brochs Ausführungen über den so genannten Kitsch-Menschen, (10) ist ein Produzent von Kitschigem „ein ethisch Verworfener, er ist der Verbrecher, der das radikal Böse will. Und weil es das radikal Böse ist, was sich hier manifestiert, das Böse an sich, das als absoluter negativer Pol mit jedem Wertsystem in Verbindung steht, deshalb wird Kitsch nicht nur von der Kunst, sondern von jedem Wertsystem aus, das nicht Imitationssystem ist, böse sein.“ Der Kitschproduzent will nach dieser Definition also verführen und dafür sorgen, dass die breite Masse ruhiggestellt wird mit billigen Imitationen, Gefälligem, Falschem. Und so trifft man häufig den typischen Kitsch-Menschen, der sich von dieser Scheinkunst einlullen lässt, in künstlerisch ungebildeteren Kreisen an. Wer nichts über Kunst weiß, wird den Kitsch nicht als solchen erkennen. Die unvoreingenommene, unironische Rezeption von populärkulturellen Phänomenen im Allgemeinen und dem Kitsch als populärer Ästhetik im Besonderen, bleibt scheinbar der Unterschicht vorbehalten. Wie sich also zu den Anfängen der Unterhaltungskultur das Bürgertum moralisch über die unteren Stände erhob, die der leichten Muse zugeneigt waren, muss auch heute der feingeistige Mensch über die Wirkung des Kitsches erhaben sein, weil er weiß, dass die Kunst über den Kitsch erhaben ist. Die Masse mit dem schlechten Geschmack jedoch ist eine Demokratie. Und in dieser entscheidet das Individuum, von wem und wovon und ob überhaupt es sich verführen lassen möchte. Zudem verbleibt der Protest des Bildungsbürgers gegen die Populärkultur ja im Bildungsbürgertum selbst, er richtet sich nicht an die Rezipienten von Kitsch, sondern dient scheinbar nur der Abgrenzung. Und was richtet der Kitsch Schlimmes an? Im äußersten Fall bestätigt er das naive Weltbild eines unkritischen Zeitgenossen, der für die hohe Kunst so oder so nichts übrig hat.
Allerdings ist ein gewisser Wertewandel spürbar, nicht zuletzt dadurch, dass, etwa durch die Werke Jeff Koons‘, die Umkehrung von Adornos Feststellung „Was Kunst ist, kann Kitsch werden“ stattgefunden hat. Es wird also nicht nur Künstlerisches verkitscht (Raffaels Putten als Motiv für Bettwäsche) sondern gewissermaßen auch Kitschiges verkunstet. Kitsch-Künstler wie Koons haben den Kitsch zur Avantgarde gemacht und so gewissermaßen das Kitsch-Verbot aufgehoben. Die extrem überzeichnete Darstellung in der Kitsch-Kunst lässt jedoch wiederum nur eine ironische Aufnahme der Werke zu.
Entweder Kunst oder Kitsch – Unverständnis über das jeweils andere herrscht an beiden Seiten dieser Abgrenzung. Für den Kitschliebhaber ist der Kitsch die Kunst, was dazu führt, dass er Kunst nicht „versteht“. Wer sich beispielsweise beim Anblick von Picassos „Demoiselles D‘Avignon“ zu einem „dat kann ja mein Jüngster besser!“ hinreißen lässt, legt mit Sicherheit nicht weniger Arroganz an den Tag. Man möchte denken, dass man entweder in Kitsch- oder Kunstland hineingeboren wird und die Grenze selten passiert wird, und zwar jeweils aus dem selben Grund: das Dogma, ein Kunstwerk müsse „viel zu denken geben“ (Kant) hat immer noch Bestand. (11)
So traut sich die Putzfrau nicht ins Museum, und der Akademiker schämt sich für den schwachen Moment, da er sich von einem „Gefühlchen“ (Nietzsche) rühren lässt. Durch den Besitz von einer Art Kunstverstand ist man nämlich nicht immer vor der vereinnahmenden Wirkung des Kitsches gefeit.


2.3 Warum ist der Kitsch nicht tot zu kriegen?

In Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (12) unterscheidet Milan Kundera zwischen „denjenigen, die am Sein zweifeln, so wie es den Menschen gegeben wurde (wie und von wem auch immer), und denjenigen, die vorbehaltlos mit ihm einverstanden sind.“ Die heile-Welt-Darstellungen des Kitsches stehe in direkter Verbindung zu religiösen Dogmen, die unter anderem die Tatsache propagierten, solange die Menschen im Paradies sein durften, hätten sie nicht defäkiert.
„Daraus geht hervor, dass das ästhetische Ideal des kategorischen Einverständnisses mit dem Sein eine Welt ist, in der die Scheiße verneint wird und alle so tun, als existierte sie nicht. Dieses ästhetische Ideal heißt Kitsch. (...) Kitsch ist die absolute Verneinung der Scheiße; im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: Kitsch schließt alles aus seinem Blickwinkel aus, was an der menschlichen Existenz im wesentlichen unannehmbar ist.“ Weiter heißt es: „Das durch den Kitsch hervorgerufene Gefühl muss allerdings so beschaffen sein, dass die Massen es teilen können. Deshalb kann der Kitsch nicht auf einer ungewöhnlichen Situation beruhen, sondern nur auf den Urbildern, die einem ins Gedächtnis geprägt sind: die undankbare Tochter, der verratene Vater, auf dem Rasen rennende Kinder, die verlassene Heimat, die Erinnerung an die erste Liebe. Der Kitsch ruft zwei nebeneinander fließende Tränen der Rührung hervor. Die erste Träne besagt: wie schön sind doch auf dem Rasen rennende Kinder! Die zweite Träne besagt: wie schön ist es doch, gemeinsam mit der ganzen Menschheit beim Anblick von auf dem Rasen rennenden Kindern gerührt zu sein! Erst diese zweite Träne macht den Kitsch zum Kitsch. Die Verbrüderung aller Menschen dieser Welt wird nur durch den Kitsch zu begründen sein.“
Kundera bezieht sich in seinen Aussagen ebenfalls auf die rezeptionsorientierte Definition von Kitsch; Kitsch ist, was als solcher wahrgenommen wird. Er versteht unter dem Begriff jedoch nicht nur die Wahrnehmung von etwas Dargestelltem, sondern die Wahrnehmung von allem, das an ein Urbild bzw. ein Klischee appelliert. Was die Masse eine, sei die Fähigkeit und der Wille, diese Bilder und Vorstellungen zu verwerten und sich davon rühren zu lassen.
Ludwig Giesz fasst den Kitschbegriff in seiner „Phänomenologie des
Kitsches“ (13) ebenfalls weiter und schließt darin auch „kitschiges Verhalten, Sichbefinden, kurzum Leben, das kitschige Züge trägt“ ein.
Der Kitsch ist deshalb so „klebrig“, weil er mit seinen Stilmitteln auf gefällige, leicht zugängliche Weise an etwas erinnert, das sich mit der Formel Glaube, Liebe, Hoffnung zusammenfassen ließe. Diesen Idealen sind jedoch nicht nur die Massen zugeneigt, auch die Eliten beschäftigt die Idee von einer besseren Welt. Die klassischen Utopieentwürfe aus der Literatur sind etwa Thomas Mores „Utopia“ oder Campanellas „Sonnenstaat“. (14) Sie berichten von Gemeineigentum, Abschaffung der Armut, Nächstenliebe, Bildung und Erziehung zur Vernunft, aber auch von Enteignung, Sklaverei, Todesstrafe als Mittel zur Umsetzung und Erhaltung des „friedlichen“ Zusammenlebens. Diese Utopien sind aus der Mode gekommen. Ein Grund dafür mag sein, dass darin stark reglementierte Staatsformen vorgeschlagen werden, weil die unbeschränkte Freiheit des Einzelnen voraussetzen würde, dass dieser eigenverantwortlich im Sinne aller handelt und sich dies in der Geschichte der Menschheit als nicht umsetzbar erwiesen hat. More lässt aus Utopia von der Abschaffung des Geldes berichten, Campanella denkt sich ein kompliziertes Hierarchiesystem von Beamten aus. Aus den Utopien, die Vorschläge zur Weltverbesserung waren, gingen Anti-Utopien, so genannte Dystopien hervor. Diese Visionen von einer zu stark gewordenen Kontrolle durch den Staat, von einer hochtechnisierten Gesellschaft, die keinen Raum mehr lässt für die Entwicklung des Individuums, machten durch ihre Parallelen die positiv gemeinten Entwürfe verdächtig.
Eine Unzahl von politischen, sozialen und künstlerischen Utopien beschäftigen sich mit einer Unzahl von Themengebieten, von der Dezentralisierung des Staates über die Abschaffung der Ehe bis hin zur Verwandlung des Meeres in Zitronenlimonade (Charles Fourier). (15)
Die erfahrungsbedingte Einsicht, dass Utopien von Natur aus aber etwas Unlebbares darstellen, hat jedoch nicht den Wunsch nach mehr Harmonie und Verständigung ersetzt. In einer Welt, die sich immer rasanter zu verändern scheint, in der die Auswahl an Möglichkeiten immer größer und das soziale Gefüge, in das man eingebunden ist, immer schwächer wird, wächst das Verlangen nach Aufgehobensein, nach greifbarer Hoffnung. Dieses Verlangen manifestiert sich in der Suche nach Dingen mit kindlich-unschuldigem Charakter, nach haptisch weichen Empfindungen, nach Buntheit und Einfachheit. Der Kitsch bietet für sich genommen keinen Lösungsvorschlag zur Überwindung der Probleme des Einzelnen in dieser Zeit. Er täuscht nur für einen kurzen Augenblick darüber hinweg, dass das Leben nicht so einfach ist wie die Stilmittel, derer sich der Kitsch bedient.
Romantik ohne Beziehungsstress, Erotik ohne Schweiß, Exotik ohne Impfung, Natur ohne Katastrophen, eine Welt ohne Hunger, Armut, Angst – im Kitsch spiegelt sich ein Wunschdenken wider. Für einen Moment darf man sich von einem Heimatfilm rühren lassen, ein Lied mit einer eingängigen Melodie mitsummen und sich daran erinnern, wovon man eigentlich träumt. Egal, ob man den Kitsch verdammt, ganz bewusst mit ihm kokettiert oder den Kitsch als Kunstform anerkennen mag – zu diesen naiven Träumen muss man stehen dürfen, sie dürfen einem nicht madig gemacht werden durch ständige Vergleiche, zum Beispiel dem mit der Kunst, wirkt sie doch auf einer anderen Ebene. Warum also kann der Kitsch nicht friedlich mit der Kunst koexistieren? Man will dem Kitschkonsumenten nicht so recht zutrauen, dass er trotzdem noch in der Lage ist, sich zu gewissen Dingen ein realistisches (statt eskapistisches) Bild zu machen. Aber tut es nicht jedem zuweilen gut, sich je nach Situation und Bedürfnis an einem „Gefühlchen“ zu ergötzen?
Der Kitsch ist ein Teil unserer Lebenswelt und wir brauchen ihn.
Wir heiraten unsere große Liebe schließlich nicht wegen Steuervergünstigungen und trotz Scheidungsstatistik, wir essen Pralinen während der Kohlsuppen-Diät, wir schauen auf Tele5 Dallas, weil wir das früher toll fanden. Vernunft und Emotionalität sind immer noch zwei Paar Schuhe, nämlich ein Paar Birkenstock mit Fußbett und ein Paar rosa Riemchensandaletten.
Der Rest ist Humor.

 

C Methoden

1 Miss Weltfrieden und die Eröffnungskampagne

Nachdem klar war, dass sich das Büro für Weltverbesserung des Kitsches bedienen würde, wurde die rosarot gewandete Kunstfigur Miss Weltfrieden erschaffen. Als Botschafterin vermittelt sie zwischen dem Büro und der Öffentlichkeit und ist seitdem für die Ausführung eines Großteils der erteilten Aufträge zuständig.
Ich hatte mir nichtsahnend ein Alter Ego zugelegt und damit eine sehr naive Rolle angenommen. Als freundliche Fee begegnet Miss Weltfrieden der Welt ohne Vorurteile und Berührungsängste. Ich musste mich also frei machen von Skepsis und Misstrauen sowie herkömmlichen Definitionen des Begriffs Coolness. Dies bewirkte eine merkliche Veränderung in meinem Denken sowie in dem meines Umfelds.
Am 15. 10. stellte sich das neu gegründete Büro für Weltverbesserung in der Würzburger Innenstadt der Öffentlichkeit vor. Zusammen mit einem übermannsgroßen Teddybär, dessen Aufgabe es war, Menschen zu umarmen, schritt Miss Weltfrieden strahlend über den belebten Marktplatz, um Autogramme zu verteilen und Fremde in ein Gespräch zu verwickeln. Ein solches begann sie etwa mit den Worten „Hallo, freundliches Mädchen!“ (und nie fragte sie sich dabei, ob ich dieses Mädchen ebenfalls freundlich finden würde). Wann immer Miss Weltfrieden bislang unterwegs war, schien sie den Beweis für eine alte Weisheit anzutreten, die besagt, wie man in den Wald hineinrufe, so schalle es auch heraus. Sie bewegt sich auf einer anderen Ebene, durch ihre Andersartigkeit zieht sie Aufmerksamkeit auf sich. Sie scheint gewissermaßen über den Dingen zu stehen und doch ist sie mittendrin.
Die Miss und der Bär sowie die Berichte der Presse vom Tag der Eröffnung erzeugten so viel Aufmerksamkeit, dass die Zahl der Zugriffe auf die Internetseite (die zusätzlich mit Handzetteln beworben wurde), im Oktober bei über 46.000 lag.


2 Der Geschäftsbericht

Der Geschäftsbericht gewinnt in der Wirtschaftswelt immer mehr an Bedeutung. Diese Publikation, die eine Aktiengesellschaft zum Jahresabschluss vorzulegen verpflichtet ist, gewährt nicht mehr nur den Aktionären Einblick in die Bilanzen des Unternehmens, sondern ist mittlerweile ein wichtiges Mittel zur Selbstdarstellung und Kommunikation. Manche Firmen lassen sich ihren Geschäftsbericht bis zu 20% ihres jährlichen Werbeetats kosten.
Die Entscheidung, meine Arbeit als Geschäftsbericht zu gestalten, fiel zunächst aus praktischen Gründen. Es galt sowohl, die Dokumentation der ausgeführten Aufträge darzustellen und die Funktionen der Website zu erklären, als auch, die Philosophie des Büros sowie den Fortgang des Projekts zu erläutern.
Die Umfirmierung des Büros als Aktiengesellschaft rechtfertigte schließlich die Herausgabe eines Geschäftsberichtes in dem die genannten Aspekte plausibel in einem Konzept vereinigt werden konnten. (Vorgesehen war ursprünglich die Gründung einer realen AG; es wurden eine Satzung erstellt und ein Rechtsanwalt mit deren Prüfung beauftragt. Die Einschätzung des Anwalts zu diesem Fall findet sich im Anhang.)
Hier reizte mich zudem der Gedanke der Persiflage, der unwillkürlich aufkommt, wenn zwei so unterschiedliche Interessen wie die Verbesserung der Welt und der Grundsatz der Gewinnmaximierung, wie er bei Aktiengesellschaften sonst allgemein vorherrscht, aufeinandertreffen.


3 Gestaltungsmittel

Die Gestaltung der Homepage und des Geschäftsberichts ist – wie das Gesamtkonzept des Büros – am Kitsch ausgerichtet.
Die Bilder auf der Internetseite, das Covermotiv des Buches sowie mehrere Bilder aus dem Innenteil sind amerikanischen Zeitschriften aus den Fünfzigerjahren entnommen. Sie verbildlichen die Idee von einer heilen Welt mit lachenden Kindern, zufriedenen Müttern und albernen Teenagern.
Die nostalgische Note, die sie dem Ganzen verleihen, ist beabsichtigt. In der Zeit nach dem Krieg schwappte von den USA eine Begeisterungswelle für Dinge mit schönen Formen, die das Leben einfacher machen sollten, über Europa. Alles ließ sich plötzlich aus Plastik herstellen, Gebrauchsgegenstände wurden einfacher denn je produzierbar und konnten günstig erworben werden. Die runden Formen und die pastelligen Farbtöne sollten die Erinnerung an eine schwarze Zeit vertreiben. Verdrängung, Fassade, schöner Schein – das ist eine Seite dieser Ästhetik; auf der anderen steht jedoch die Hoffnung, die sie verkörpert. Das Vermitteln von Hoffnung ist auch für Blick heben eine wichtige Motivation.


4 Schlusswort

Auf dem Weg, eine geeignete Umsetzung zu finden für das hehre Ziel, die Welt zu verbessern, fiel mir auf, dass viele gute Ideen in den Kreisen verbleiben, aus denen ihre Urheber stammen. Dann schreiben Soziologen für Soziologen und Gestalter gestalten für Gestalter. In diesem Zusammenhang stellte ich mir die Frage, wem beispielsweise ein Plakat für den Frieden ein Denkanstoß sein soll, wenn eines der gedruckten drei Exemplare an der Wohnzimmerwand des Designers, ein weiteres an der Bürowand des Designers und das letzte auf dem Tisch des Art Directors Club endet.
Das große Ziel von Blick heben ist es, die Masse zu erreichen und ohne Moralkeule etwas zu kommunizieren, das jeden betrifft, das jeder verstehen kann und das jeden bewegt. Der Zweck heiligt in diesem Fall die Mittel, nämlich den großzügigen Einsatz von Klischees.

Milan Kundera wurde bereits zitiert: „Die Verbrüderung aller Menschen dieser Welt wird nur durch den Kitsch zu begründen sein.“
Aus Gründen, die ich in diesem Text zu rechtfertigen versucht habe, war dieser Ausspruch der Ausgangspunkt meiner Arbeit.
Spontane Zustände der Glückseligkeit, die mich und viele, denen Miss Weltfrieden erschienen ist, seit der Gründung des Büros ereilten, geben Anlass zur der Hoffnung, dass diese Behauptung richtig sein könnte.
Eine grundlegende Veränderung bewirken zu wollen, ist natürlich sehr optimistisch gedacht und – wenn überhaupt – nur schrittchenweise möglich. Fürs erste muss man sich vielleicht damit begnügen, ein wenig bezaubert, Aufmerksamkeit erregt und ein Lächeln weitergegeben zu haben.
Wem das nun alles noch zu naiv ist, dem sei zum Abschluss ein Zitat des Künstlers und Philosophen R. Buckminster Fuller (16) mit auf den Weg gegeben:

The world is now too dangerous for anything less than Utopia.

 

 


D Quellen

1) www.the-palace-of-projects.net

2) Jochen Wegner, Focus-Magazin-Artikel „Darf es etwas weniger sein?“,
ersch. 26.07.2004

3) Richard Layard, Die glückliche Gesellschaft, Campus Verlag GmbH,
Frankfurt/Main, 2005

4) Konrad Paul Liessmann, Kitsch! oder Warum der schlechte Geschmack
der eigentlich gute ist, Verlag Christian Brandstätter, 2002

5) Max Goldt, Die Kugeln in unseren Köpfen, Kolumnen, Wilhelm Heyne
Verlag, München, 2001

6) www.wissen.de

7) Kaspar Maase, Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massen-
kultur 1850- 1970, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main,
1997

8) Wolfgang Braungart (Hg.), Kitsch, Faszination und Herausforderung
des Trivialen und Banalen, Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 2002
(Jürgen Stenzel, Kitsch ist schlecht, aber was heißt das? Wertungs-
theoretische Überlegungen zum Kitschbegriff))

9) Theodor W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt/Main, 1970

10) Hermann Broch, Dichten und Erkennen. Essays. Gesammelte Werke 1,
hrsg. v. Hannah Arendt, Zürich, 1955

11) Wolfgang Braungart (Hg.), Kitsch, Faszination und Herausforderung
des Trivialen und Banalen, Max Niemeyer Verlag, Tübingen, 2002
(Wolfgang Braungart, Anmerkungen zur Einführung)

12) Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Carl Hanser
Verlag München Wien, 1984

13) Ludwig Giesz, Phänomenologie des Kitsches, Wilhelm Fink Verlag,
München, 1971

14) Ernesto Grassi (Hg.), Der Utopische Staat, Morus: Utopia, Campanella:
Sonnenstaat, Bacon: Neu Atlantis, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Rein-
bek bei Hamburg, 2004

15) Rolf Schwendter, Utopie, Überlegungen zu einem zeitlosen Begriff, ID-
Archiv, Berlin, 1994

16) www.projectmind.org/intuito.html


© Nane Weber, Würzburg, im Februar 2006